Die Kiste im Blumenbeet

Nachdem er die Flasche Whiskey, die er in kaum mehr als einem Zug geleert hatte, offenbar für Wasser gehalten hatte, war es nicht weiter verwunderlich, dass er das Haus verließ und sich fest einbildete, es soeben betreten zu haben. Es ist jedoch erstaunlich, dass er in weiterer Folge das Blumenbeet für sein Schlafgemach hielt und aus unerfindlichen Gründen darin zu graben begann, fast so wie ein Hund, der seinen Knochen vergräbt oder wieder ausgräbt. So war Willi. Willi war einunddreißig Jahre alt und ein gestandener Mann, dem man einen vernünftigen Umgang mit Alkohol oder sonstigen Genussmitteln nicht nachsagen durfte, nein, das wäre beinahe einer Beleidigung gleichzusetzen. Und einen gestandenen Mann beleidigt man nicht.

Als Willi nun also mehr oder weniger bewusst in seinem Zustand im Blumenbeet zu graben begann und dabei grunzte, als wäre er ein fündig gewordenes Trüffelschwein, stieß er zu seinem Erstaunen auf Widerstand. Wenn Willi noch zu denken fähig gewesen wäre, hätte er sich vielleicht gefragt, worauf dieser Widerstand zurückzuführen war. Möglicherweise war ein Hundeknochen schuld.

Dann wäre er früher oder später zu der Schlussfolgerung gelangt, dass sich im Umkreis von zwei Kilometern keine Hunde aufhielten. Sein nächster morbider Gedanke hätte dem Vorbesitzer seines Hauses gegolten, der bestimmt eine Leiche im Keller, oder genauer gesagt, im Blumenbeet vergraben hatte. Einerseits angewidert, andererseits teils furchtsam, teils paranoid, hätte er das Blumenbeet Blumenbeet sein lassen und hätte sich in sein Wohnzimmer zurückgezogen. Andererseits, wenn er nüchtern gewesen wäre, welchen Grund hätte er dann gehabt, überhaupt sein Blumenbeet zu durchwühlen wie ein Maulwurf vor der Meisterprüfung?

Doch wie die Dinge standen war Willi weder vernünftig noch nüchtern, deswegen hielt ihn der Widerstand, den er in der Erde vernahm, nicht davon ab, weiter zu graben. Teils verwundert, teils wütend nahm er wenig später zur Kenntnis, dass der Widerstand sich zu einem richtigen Hindernis entpuppt hatte, an dem kein Weg vorbei führte. Willi grunzte unzufrieden und schien sich im gleichen Moment klar zu werden, dass er sich weder in seinem Haus noch in seinem Bett aufhielt, weswegen er sogleich auf das Haus zu torkelte und wenig später seine frisch überzogenen Laken mit Erde übersäte.

Der Morgen danach brachte wenig neue Erkenntnisse. Willi wachte auf, blickte nach rechts und links und wunderte sich über das schmutzige Bett. Während er sich die schmerzende Rübe rieb, versuchte er, sich die Geschehnisse der vorangegangenen Nacht in Erinnerung zu rufen. Doch in seinem Kopf war nichts und der einzigen Anhaltspunkt, den er hatte, war ein Bett voll Erde. Willi stieß einen leisen, unverständlichen Fluch aus und trottete hinaus in den Garten, um sein Werk von letzter Nacht zu betrachten. Er schwor sich feierlich, dem Alkohol in Zukunft Einhalt zu gebieten und betrachtete das Chaos im Blumenbeet. Darin lagen Gemüse, Kräuter und Walderdbeeren bunt durcheinander, als hätte nachts ein hungriger Bär sein Unwesen getrieben.

Doch inmitten des Beetes befand sich etwas, das Willis Aufmerksamkeit erregte. Es schien sich um eine augenscheinlich etwas morsche und ziemlich verdreckte Holzkiste zu handeln. Willi fragte sich, was die Holzkiste wohl enthalte. Wieder beschlich ihn die Angst, die ihn gestern, wäre er nüchtern gewesen, sicherlich beschlichen hätte und er dachte an seinen Vorbesitzer und die Leichen im Keller. Nun lag sie also vor ihm, diese mysteriöse Kiste und Willi, der gestandene Mann, hatte Angst, sie zu öffnen, da er den Boulevardzeitungen, die er eifrig jeden Tag überflog, schon fast religiösen Glauben schenkte und daher wusste, dass Gewaltverbrechen stets dort stattfanden, wo man sie am Wenigsten vermutete.

Schließlich siegte die Neugier über die Angst und Willi suchte nach einer Möglichkeit, die Kiste zu öffnen. Da sich daran kein Schloss befand, aber der Zustand des Holzes bereits ziemlich schlecht war, trachtete Willi der Kiste mit dem Hammer. Er klemmte die Kiste unter seinen mehr oder weniger muskulösen Arm und machte sich auf den Weg in seine Werkstatt, in der er unbarmherzig und fröhlich zugleich die Kiste mit Hammer, Brecheisen und sonstigen Werkzeugen traktierte. Als das morsche Holz endlich seinen Geist auf- und die Kiste ihren Inhalt preisgab, traute Willi seinen Augen nicht: vor ihm bot sich ein unrealistischer Anblick. Insgeheim fragte er sich in einem seltenen Anflug von Vernunft, ob er denn nicht doch vielleicht immer noch betrunken war oder ob er träumte, deswegen griff er nach dem, was sich vor ihm bot, um es genauer zu inspizieren. Vor ihm, auf der Werkzeugbank in der Werkstatt, in einer mit Erde verdreckten, morschen Holzkiste befanden sich unzählige Münzen aus reinem Gold. Das musste der gestandene Mann erst einmal verdauen.

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Die Verliebtheit

Du. Du warfst mir einen Blick zu. Nur aus dem Augenwinkel. Nur ganz beiläufig. Vielleicht nur ganz zufällig. Als ich ihn fing, deinen Blick, als ich ihn in Händen hielt und im Herzen trug, da hörte ich auf, an Zufälle zu glauben. Wie ein Virus hat dein Blick mein Gehirn infiziert, er war der Grund warum mein Herz nun kontrahiert. Warum mein Verstand, der unerbittlich kämpft und doch verliert, nun gegen meine Sehnsucht konkurriert, die sich nach dir verzehrt und sich gegen das Denken wehrt. Du. Zwischen zwei Augenblicken liegt kein Sinn wenn du mir nicht augenblicklich dein Auge widmest.

Die Kritker

du wirst unterdrückt, bevor du in der lage bist zu existieren. du wirst zum schweigen gebracht, bevor du gelegenheit dazu hast, dich zu äußern.

was sich äußern will, will leben und was leben will, wird  tot gemacht. Du wirst tot gemacht, aber du stirbst nicht. Glaubst du mir, dass es etwas schlimmeres gibt als den tod?  wenn man ist wie du, ist man geradezu verdammt, an dieser welt zu zerbrechen. man verreckt, weil man zerbricht und bleibt doch unversehrt.

vor meinem geistigen auge sehe ich, wie du dich entrüstest und mir zu recht vorwirfst, verantwortungslos gehandelt zu haben. es tut mir leid, ganz ehrlich. ich wollte dir das alles doch ersparen. dabei weigerte mich regelmäßig und wiederholt, auch nur im entferntesten an dich zu denken. nun fürchte ich mich. ich fürchte mich für dich, ich fürchte mich für mich. ich fürchte mich für uns beide.

sieh nur, die abschätzigen blicke der geier, die da draußen auf dich warten. deine existenz berechtigt sie dazu, dich zu vernichten, denn du bist das neue, das andere, das hoffnungsvolle und das stille, das laut sein will.  mit dir vernichten sie auch mich.

dabei hast du gerade erst das licht der welt erblickt.

Der Gutmenschkreislauf

Der nach Skandalen lüsternde Durchschnittsmensch schlägt das Boulevardblatt auf, um sich an Artikeln wie „Rachsüchtiger Liebhaber ersticht schwangere Frau“ zu ergötzen. Mit einer gewissen Schadenfreude verfolgt er im Fernsehen mit, wie dem Übeltäter öffentlich der Prozess gemacht wird und schüttelt mit gespielter Entrüstung und einer gewissen Portion Abgestumpftheit den Kopf.

Mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit vertraut er dann darauf, dass der rachsüchtige Liebhaber dingfest gemacht und hinter schwedische Gardinen verfrachtet wird. Daran, dass dieser schuldig ist, zweifelt er angesichts der Tatsachen keine Sekunde und über die Hintergründe zerbricht er sich nur in den seltensten Fällen den Kopf.

Das Mitgefühl sitzt mit verschränkten Armen in der Ecke und schmollt, denn diese arrogante Selbstgefälligkeit hat es von seinem Platz verdrängt. Es raunt dem Durchschnittsmenschen verschwörerisch ins Ohr, dass er ein guter Mensch ist. Gute Menschen können stolz auf sich sein. Selbstzufrieden klopft sich der Durchschnittsmensch metaphorisch auf die eigene Schulter.

Dass der rachsüchtige Liebhaber einst ein lüsternder Durchschnittsmensch war, der sein Boulevardblatt auf der Suche nach Artikeln wie „Rachsüchtiger Liebhaber ersticht schwangere Frau“ aufschlug, kommt niemals ans Tageslicht.

Ein neuer Tag bringt einen neuen Skandal. Der kalte Kaffee von gestern interessiert heute kein Schwein mehr.

Aus den Augen ist aus dem Sinn.

Die Mauer

Eigentlich wurdest du gerade erst geboren. Man hat dich soeben aus dem heimeligen Mutterleib hinaus in die kalte Welt geworfen.

Du hast deinen ersten Schrei getan. Mit diesem ersten Schrei, dem ersten Schritt in die neue Welt, hast du eine Mauer hinter dir aufgebaut.

Diese Mauer, die dich von deiner pränatalen Vergangenheit trennt, kannst du nicht mehr einreißen. Dein Weg kann nur mehr vorwärts gehen.

In der Ferne vernimmst du gerade noch die Umrisse einer zweiten Mauer. Diese symbolisiert das Ende deiner Reise. Hast du die Mauer einmal erreicht, wird es keinen Weg zurück und auch keinen mehr nach vorne geben.

Du brauchst gar nicht erst versuchen, die Mauern einzureißen, es wird dir nicht gelingen! Du kannst weder in den Mutterleib zurück, noch kannst du dem Tod entrinnen!

Trotzig wirst du entgegnen, dass keiner dich gefragt hat, ob du in diese Welt willst, und dabei geht es doch um dein Leben. Denn schließlich, so denkst du, gehe ich, auch wenn viele dieselbe Richtung einschlagen, denn Weg doch alleine.

Und seit du begonnen hast, dich mit deiner Mortalität zu beschäftigen, hast du ständig dieses Ticken im Ohr. Dieses Ticken ist wie ein Tinnitus. Du wirst es nicht mehr los. Wenn du nachts in deinem Bett liegst, um zum Sklaven des Schlafes zu werden, hält es dich wach. Wenn du die Straße entlanggehst, scheint es dich in seiner Beharrlichkeit höhnisch auszulachen, wie um auf die Mauer hinzuweisen, die mit jedem Schritt, den du gehst, ein Stückchen näher rückt. Es ist die Uhr der Zeit, die den Countdown deines Lebens symbolisiert.

Als du jung warst, hattest du geglaubt, die Zeit sei unendlich. Du wolltest sie totschlagen, sie vertreiben, du wolltest die Welt sehen, Karriere machen, eine Familie gründen und den kleinen und großen Problemen, die sich einem tagtäglich stellen, aus dem Weg gehen. Du warst naiv, damals. Du meintest, ewig jung zu bleiben und zerbrachst dir nicht den Kopf über unwichtige Details wie die Zeit oder gar den Tod.

Als die Tage und Jahre vergingen, deine Haut nicht mehr so straff wie früher war und das Haar auf deinem Haupte kärger wurde, schwelgtest du in Gedanken und Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Eben stecktest du ja noch in den Kinderschuhen. Du zähltest nicht mehr als sieben Jahre und saßest lachend auf einem Steine in der warmen Mittagssonne. Eben würde deine Mutter- Gott hab sie selig- dich zum Mittagessen rufen. Ohne einen Gedanken an das Morgen zu verschwenden, würdest du das liebevoll zubereitete Essen zu dir nehmen. Damals, als du noch essen konntest, was du wolltest, ohne zuzunehmen…

Die Mauer, die heute gefährlich nahe vor dir steht, schien damals noch in unerreichbarer Nähe.

Die Uhr auf deiner Schulter wirft dir auf deinem ohnehin schon schweren Weg noch Steine zwischen die Beine. Da du alt und nicht mehr so gut auf deinen Füßen bist, stolperst du und fällst. Die Uhr auf deiner Schulter lacht höhnisch. Sie lacht und ihr Lachen schwillt an und wird zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der dir durch Mark und Pein dringt. Du hältst beide Ohren zu und versuchst, das Lachen zu ignorieren, doch vor deinem inneren Auge siehst du die Uhr schon die Messer wetzen.

Auf dem Boden liegend fragst du dich verzweifelt, was mit dir geschehen wird, sobald du die Mauer erreicht hast.

Du weißt, dass du den Tod nicht vermeiden kannst. Du musst dich langsam damit anfreunden, dass du nicht unsterblich bist. Du schüttelst den Kopf, wie um den Gedanken zu vertreiben. Du willst nicht daran denken. Das Thema ist dir unangenehm. Es macht dir Angst. Du hast Angst vor dem Ungewissen. Angst vor dem, was danach kommt.

Bei dir denkst du dann, der Mensch hat so vieles erreicht. Er kann das Wetter vorhersagen, er kann in wenigen Stunden von einem Kontinent zum anderen reisen, er kann sich fortbewegen, ohne sich auch nur im geringsten bewegen zu müssen, er hat entlegene Orte bereist und Krankheiten kuriert, doch…niemand hat je herausgefunden, was sich hinter der Mauer befindet. Wer einmal auf der anderen Seite war, ist nie wieder zurückgekommen.

Betrübt denkst du an all die materiellen Güter, die du im Laufe deines Lebens gesammelt und lieb gewonnen hast. Natürlich musst du alles zurücklassen. Deine gesamten weltlichen Schätze werden dir dort, hinter der Mauer, nichts bringen.

Den Tränen nahe pflückst du eine verwelkte Rose. Auch die Rose entstand einst aus einem Samen, genau wie du.

Als die Rose in voller Blüte stand, hatte sie Insekten durch ihren Duft betört und die Menschen durch ihr Aussehen glücklich gemacht. Die Blüte des Lebens- geht es dir durch den Kopf. Du fragst dich, ob jedes Lebewesen und jede Pflanze auf der Erde eine Aufgabe in diesem Leben hat. Dies führt dich zu der Frage, welche wohl deine Aufgabe war. Du gehst noch einen Schritt weiter und erschrickst bei dem Gedanken, dein Dasein könnte keinen Zweck erfüllen und du seiest lediglich das Produkt eines tierischen Triebes.

Dieser Gedanke jagt dir höllische Angst ein. Er vermittelt dir einen Sinn von Unsinnigkeit und lässt dich melancholisch werden.

Nun liegt sie da, die Rose in deiner Hand. Es ist kein Leben mehr in ihr. Die Rose macht dich traurig. Zeigt sie dir doch, dass alles auf Erden vergänglich ist. Behutsam legst du sie zurück auf die Erde.

Viele Leute, denkst du, leben um zu arbeiten. Sie haben einen konkreten Tagesablauf, weil sie Angst vor der Veränderung haben, oder sie die Routine liebgewonnen haben wie einen alten Freund. Diese Leute, denkst du, haben das Ticken der Uhr auf ihrer Schulter vergessen oder es bis jetzt einfach erfolgreich ignoriert.

Doch irgendwann  werden sie in den Spiegel sehen und feststellen, dass sie dreißig Jahre älter geworden sind. Betäubt vor Schock werden sie feststellen, dass sie, anstatt ihr Leben zu leben und die kostbare Zeit auf der Erde zu genießen, sie an völlig weltliche Dinge verschwendet haben. Dir ist es doch genauso ergangen.

Du startest einen weiteren Versuch, die Zeit auszutricksen, drehst dich mitten auf der Straße um und läufst rückwärts. Doch sogar wenn du rückwärts läufst, läufst du eigentlich nach vorne. Die Mauer kommt bedrohlich nahe. Außer Atem merkst du, wie deine Lebenssäfte langsam versickern. Die Mauer befindet sich nun direkt vor dir. Du nimmst einen letzten Atemzug, saugst deine Lungen voll mit Leben. Dann brichst du in dich zusammen und fällst zu Boden. Du denkst nicht mehr. Du siehst und fühlst und hörst nichts mehr. Die Uhr ist stehen geblieben. Langsam steigt dein Geist aus deiner toten, weltlichen Hülle. Du siehst dich da unten auf der Straße liegen, dein starrer Blick richtet sich auf die Uhr in deiner Hand.

Jemand berührt dich sanft und geleitet dich hinter die Mauer…