Die Kiste im Blumenbeet

Nachdem er die Flasche Whiskey, die er in kaum mehr als einem Zug geleert hatte, offenbar für Wasser gehalten hatte, war es nicht weiter verwunderlich, dass er das Haus verließ und sich fest einbildete, es soeben betreten zu haben. Es ist jedoch erstaunlich, dass er in weiterer Folge das Blumenbeet für sein Schlafgemach hielt und aus unerfindlichen Gründen darin zu graben begann, fast so wie ein Hund, der seinen Knochen vergräbt oder wieder ausgräbt. So war Willi. Willi war einunddreißig Jahre alt und ein gestandener Mann, dem man einen vernünftigen Umgang mit Alkohol oder sonstigen Genussmitteln nicht nachsagen durfte, nein, das wäre beinahe einer Beleidigung gleichzusetzen. Und einen gestandenen Mann beleidigt man nicht.

Als Willi nun also mehr oder weniger bewusst in seinem Zustand im Blumenbeet zu graben begann und dabei grunzte, als wäre er ein fündig gewordenes Trüffelschwein, stieß er zu seinem Erstaunen auf Widerstand. Wenn Willi noch zu denken fähig gewesen wäre, hätte er sich vielleicht gefragt, worauf dieser Widerstand zurückzuführen war. Möglicherweise war ein Hundeknochen schuld.

Dann wäre er früher oder später zu der Schlussfolgerung gelangt, dass sich im Umkreis von zwei Kilometern keine Hunde aufhielten. Sein nächster morbider Gedanke hätte dem Vorbesitzer seines Hauses gegolten, der bestimmt eine Leiche im Keller, oder genauer gesagt, im Blumenbeet vergraben hatte. Einerseits angewidert, andererseits teils furchtsam, teils paranoid, hätte er das Blumenbeet Blumenbeet sein lassen und hätte sich in sein Wohnzimmer zurückgezogen. Andererseits, wenn er nüchtern gewesen wäre, welchen Grund hätte er dann gehabt, überhaupt sein Blumenbeet zu durchwühlen wie ein Maulwurf vor der Meisterprüfung?

Doch wie die Dinge standen war Willi weder vernünftig noch nüchtern, deswegen hielt ihn der Widerstand, den er in der Erde vernahm, nicht davon ab, weiter zu graben. Teils verwundert, teils wütend nahm er wenig später zur Kenntnis, dass der Widerstand sich zu einem richtigen Hindernis entpuppt hatte, an dem kein Weg vorbei führte. Willi grunzte unzufrieden und schien sich im gleichen Moment klar zu werden, dass er sich weder in seinem Haus noch in seinem Bett aufhielt, weswegen er sogleich auf das Haus zu torkelte und wenig später seine frisch überzogenen Laken mit Erde übersäte.

Der Morgen danach brachte wenig neue Erkenntnisse. Willi wachte auf, blickte nach rechts und links und wunderte sich über das schmutzige Bett. Während er sich die schmerzende Rübe rieb, versuchte er, sich die Geschehnisse der vorangegangenen Nacht in Erinnerung zu rufen. Doch in seinem Kopf war nichts und der einzigen Anhaltspunkt, den er hatte, war ein Bett voll Erde. Willi stieß einen leisen, unverständlichen Fluch aus und trottete hinaus in den Garten, um sein Werk von letzter Nacht zu betrachten. Er schwor sich feierlich, dem Alkohol in Zukunft Einhalt zu gebieten und betrachtete das Chaos im Blumenbeet. Darin lagen Gemüse, Kräuter und Walderdbeeren bunt durcheinander, als hätte nachts ein hungriger Bär sein Unwesen getrieben.

Doch inmitten des Beetes befand sich etwas, das Willis Aufmerksamkeit erregte. Es schien sich um eine augenscheinlich etwas morsche und ziemlich verdreckte Holzkiste zu handeln. Willi fragte sich, was die Holzkiste wohl enthalte. Wieder beschlich ihn die Angst, die ihn gestern, wäre er nüchtern gewesen, sicherlich beschlichen hätte und er dachte an seinen Vorbesitzer und die Leichen im Keller. Nun lag sie also vor ihm, diese mysteriöse Kiste und Willi, der gestandene Mann, hatte Angst, sie zu öffnen, da er den Boulevardzeitungen, die er eifrig jeden Tag überflog, schon fast religiösen Glauben schenkte und daher wusste, dass Gewaltverbrechen stets dort stattfanden, wo man sie am Wenigsten vermutete.

Schließlich siegte die Neugier über die Angst und Willi suchte nach einer Möglichkeit, die Kiste zu öffnen. Da sich daran kein Schloss befand, aber der Zustand des Holzes bereits ziemlich schlecht war, trachtete Willi der Kiste mit dem Hammer. Er klemmte die Kiste unter seinen mehr oder weniger muskulösen Arm und machte sich auf den Weg in seine Werkstatt, in der er unbarmherzig und fröhlich zugleich die Kiste mit Hammer, Brecheisen und sonstigen Werkzeugen traktierte. Als das morsche Holz endlich seinen Geist auf- und die Kiste ihren Inhalt preisgab, traute Willi seinen Augen nicht: vor ihm bot sich ein unrealistischer Anblick. Insgeheim fragte er sich in einem seltenen Anflug von Vernunft, ob er denn nicht doch vielleicht immer noch betrunken war oder ob er träumte, deswegen griff er nach dem, was sich vor ihm bot, um es genauer zu inspizieren. Vor ihm, auf der Werkzeugbank in der Werkstatt, in einer mit Erde verdreckten, morschen Holzkiste befanden sich unzählige Münzen aus reinem Gold. Das musste der gestandene Mann erst einmal verdauen.

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Die Verliebtheit

Du. Du warfst mir einen Blick zu. Nur aus dem Augenwinkel. Nur ganz beiläufig. Vielleicht nur ganz zufällig. Als ich ihn fing, deinen Blick, als ich ihn in Händen hielt und im Herzen trug, da hörte ich auf, an Zufälle zu glauben. Wie ein Virus hat dein Blick mein Gehirn infiziert, er war der Grund warum mein Herz nun kontrahiert. Warum mein Verstand, der unerbittlich kämpft und doch verliert, nun gegen meine Sehnsucht konkurriert, die sich nach dir verzehrt und sich gegen das Denken wehrt. Du. Zwischen zwei Augenblicken liegt kein Sinn wenn du mir nicht augenblicklich dein Auge widmest.

Die Kritker

du wirst unterdrückt, bevor du in der lage bist zu existieren. du wirst zum schweigen gebracht, bevor du gelegenheit dazu hast, dich zu äußern.

was sich äußern will, will leben und was leben will, wird  tot gemacht. Du wirst tot gemacht, aber du stirbst nicht. Glaubst du mir, dass es etwas schlimmeres gibt als den tod?  wenn man ist wie du, ist man geradezu verdammt, an dieser welt zu zerbrechen. man verreckt, weil man zerbricht und bleibt doch unversehrt.

vor meinem geistigen auge sehe ich, wie du dich entrüstest und mir zu recht vorwirfst, verantwortungslos gehandelt zu haben. es tut mir leid, ganz ehrlich. ich wollte dir das alles doch ersparen. dabei weigerte mich regelmäßig und wiederholt, auch nur im entferntesten an dich zu denken. nun fürchte ich mich. ich fürchte mich für dich, ich fürchte mich für mich. ich fürchte mich für uns beide.

sieh nur, die abschätzigen blicke der geier, die da draußen auf dich warten. deine existenz berechtigt sie dazu, dich zu vernichten, denn du bist das neue, das andere, das hoffnungsvolle und das stille, das laut sein will.  mit dir vernichten sie auch mich.

dabei hast du gerade erst das licht der welt erblickt.

Der Abschiedsbrief

Wie sieht ein perfekter Abschiedsbrief aus?

Im Laufe meines Lebens habe ich schon zu viele Versuche unternommen, meinen Abgang gebührend mit Melodramatik und Vorwürfen an meine Umwelt zu würzen, bin jedoch stets kläglich an meinem unüberwindbarem Perfektionismus gescheitert, der mich üblicherweise davon abhält, meine Pläne in die Tat umzusetzen, da die unvermeidliche Enttäuschung über das Resultat mich unweigerlich in eine tiefere Depression stürzen würde als die Tatsache, dass meine Umwelt für gewöhnlich äußerst pikiert und verständnislos auf mein Verhalten reagiert.

Ich vermochte es niemals, mich damit abzufinden, dass die Perfektion in der Praxis lediglich eine Illusion ist und besänftigte mein Gemüt damit, dass es stets einen Neuanfang gibt, an dem man die vorherigen – unverzeihlichen – Fehler ausbessern kann. Meine Logik schließt also, dass mein Leben, welches ich als einen groben Fehler sehe, der wohlgemerkt durch Fremdverschulden verursacht wurde, möglichst beendet werden sollte, bevor ich weitere 50 Jahre lang auf meinen wohlverdienten Tod warten muss.

Weder habe ich Mutter Erde darum gebeten, mich auszuspucken noch habe ich die ersten 18 Lebensjahre absichtlich danach getrachtet, den animalischen Zweibeinern, die  mich umgeben, zur Last zu fallen. Denn eine wichtige Erkenntnis habe ich im Laufe meines Lebens gemacht – nicht Selbstmord (ich wähle bewusst keine euphemistischen Worte, da ich diese Lügengebilde immer aus tiefstem Herzen verabscheut habe) ist egoistisch, egoistisch ist der Anspruch auf Leben den man stellt, sobald man auf diesem Planeten geboren wird.

Was erlauben wir uns eigentlich, dass wir uns einbilden, existieren zu dürfen, anwesend sein zu können, so einfach geboren werden zu können in diese Welt? Sauerstoff einzuatmen, auf den wir kein Anrecht haben, uns auf selbstsüchtige Weise von Pflanzen und Tieren zu ernähren, die für uns ihr Leben lassen und unsere Spuren zu hinterlassen – der bloßen Existenz wegen! Es ist eine Schande! Demnach ist Selbstmord wohl der selbstloseste Dienst, dem man dem Planeten – nicht so sehr den zuvor erwähnten animalischen Zweibeinern darauf – erweisen kann.

Warum schreitet die KLIMAERWÄRMUNG weiter voran? Der animalische Zweibeiner ist schuld, was sollen die gezielten Beschönigungen jener, die wirtschaftliche Interessen vertreten? Selbstverständlich ist man bestens informiert über das Klima und ist entrüstet, jedoch ähnelt die Entrüstung jener Faszination, die man Science-Fiction-Literatur entgegenbringt. Im Endeffekt erscheinen die Fakten, die man in den Büchern liest und in den Medien hört, zwar bedrohlich, aber realitätsfern.

Man nimmt sie zwar wahr, aber  realisiert sie nicht. Wäre man in der Lage, den Ernst der Lage und die damit verbundenen Konsequenzen zu erkennen, würde man das Klima nicht verdrängen wie einen lästigen Gedanken um wenige Momente später wie gewohnt seinem üblichen Konsumverhalten zu frönen wie ein dummes Tier, das nicht handlungsfähig ist, weil es blind auf (korrupte) oder unfähige Regierungen vertraut, die die „Angelegenheit“ (die Bagatelle) schon für sie regeln werden.

Spricht man ein dummes Tier dann auf sein Verhalten an, zuckt es üblicherweise mit den Schultern, murmelt monoton „Was kann ich als einzelner schon machen“, klappt den Mund zu und verweilt stumm wie ein Spielzeugfisch, dem man lediglich diesen einen Satz eingeimpft hat und den man, wenn man über leicht sadistische Züge verfügt, liebend gerne im Aquarium der Welt ertränken würde. (Meine offenkundige Misanthropie verleitet mich des öfteren dazu, abzuschweifen. Verzeihung) FALSCH.

Es scheint eine weit verbreitete Meinung zu sein, dass Veränderung lediglich Wirkung zeigen kann, wenn sie im Großen beginnt. Es ist Zeit, die Ohren zu spitzen, ihr dummen animalischen Zweibeiner! Ihr seid nicht ohnmächtig! Veränderung beginnt dort, wo ihr beginnt, euer Leben in die Hand zu nehmen, euch mit den Fakten auseinanderzusetzen und den Willen zu zeigen, etwas zu ändern. Es fängt dort an, wo ihr eigenständig denkt anstatt euch auf Regierungen zu stützen und beginnt, ein positives Vorbild für eure Kinder zu sein indem ihr handelt! Denn es erfordert keine Helden der Worte, so wie man es von den allermeisten Politikern kennt, die einen bloß auf ein Morgen vertrösten, das nie eintrifft. Es bedarf Helden der Taten, die sich nicht scheuen, ihre Prinzipien wirksam zu machen!

Damit ist aber mein Problem noch nicht geklärt! Die Existenzfrage!

WIESO/WOFÜR ZUM TEUFEL EXISTIEREN WIR?

Ich weiß es nicht. Ich scheitere an der Frage.

Für die einen sind wir einfach im Zuge der Evolution entstanden und sind nun einfach da wie Variablen in einer Gleichung. Was aber steckt hinter der Evolution? Was ist der Grund dafür? Hat sich die Evolution gedacht: „Oh, ich setze mal eben ein paar Milliarden Menschen in die Welt, die hoffentlich nie auf die absurde Idee kommen, ihre Existenz zu hinterfragen“ oder wie ist das abgelaufen?

Außerdem…Wie lässt es sich erklären, dass es in London Mittag ist, während es in Vancouver noch Nacht ist? Diese Tatsache erscheint so alltäglich und selbstverständlich, jedoch erstaunt sie mich immer wieder aufs Neue. Wieso ist das so? Natürlich erklärt die Zeitverschiebung, wieso die Uhr eine andere Zeit anzeigt, jedoch ist mir die Tatsache schier unbegreifbar, dass während die Welt in Europa schlafen geht, anderorts die Sonne dabei zusieht, wie das Leben neue Geschichten schreibt. Und wer schreibt sie eigentlich, diese Geschichten? Sind das die animalischen Zweibeiner, die sich jeden Tag aufs Neue erfinden? Oder ist das dieser große unbekannte Geist, den man Gott nennt?

Gott gibt es nicht. Man hört und sieht ihn nicht.

Existieren Dinge nur dann, wenn ich sie sehen kann? Darf ich die Existenz aller anderen Dinge, Menschen und Tiere leugnen, wenn ich in mich in einer Kammer ohne Fenster befinde?

Spätestens seit der Relativitätstheorie weiß ich, dass Raum und Zeit keine Universalgrößen sind und dass all jenes, das sich außerhalb der Erde befindet, meine Vorstellungskraft übersteigt. Wenn ich dummer, animalischer Zweibeiner, der zu einem irdischen Dasein verdammt ist, sich mit der Gravitation herumschlagen muss und lediglich auf drei Dimensionen beschränkt ist, mir also einbilden würde, ich besäße Wissen, das über das Universum hinausgeht, dann müsste ich mich für meine eigene Arroganz schelten.

Die Existenz Gottes ist also weder bewiesen noch wiederlegt.

Wie sieht es nun aus mit Liebe, ist das der Grund für unsere Existenz?

KINDERARBEIT! ZWANGSPROSTITUTION! MENSCHENHANDEL! KRIEG!

Der animalische Zweibeiner ist blind, dumm, arrogant, taub, naiv und findet sich scheinbar ohnmächtig mit Ungerechtigkeiten konfrontiert.

Er denkt, er besitzt die Fähigkeit, eigenständig zu denken, dabei gibt er lediglich aus einer Palette vorgefertigter, maßgeschneideter Statements unreflektiert jene wieder, von denen er meint, dass sie auf ihn zutreffen. Dann fühlt er sich schön eigenverantwortlich und selbstzufrieden. Es fehlt ihm jedoch an der Verantwortlichkeit, seine Prinzipien in die Tat umzusetzen. Er vertraut lieber darauf, dass er durch den Gebrauch des Wahlrechts die eben erwähnten vorgefertigten Meinungen in jener Weise einbringen kann, um zu seinem Vorteil Einfluss auf das politische Geschehen zu haben,  ist besänftigt solange seine Bedürfnisse befriedigt sind und gibt sich wieder dem blinden Vertrauen hin.

Ich hasse es….

wenn Menschen ihre Meinungen und Prinzipien freiwillig dem Gruppenzwang unterwerfen,  schon wo es um belanglose Dinge geht.

Ich hasse es…

dass sich die animalischen Zweibeiner zu unreflektierten konformen Robotern entwickeln, die sich niemals gegen Autoritäten auflehnen, weil ihnen eingetrichtert wurde, dass diese Form von Kritik verpönt ist. Nein, Freunde. Niemand ist ohnmächtig. Jemand muss es bloß wagen, den ersten Schritt zu machen.

Die Liste

Alle Jahre wieder leitet der Technoremix eines bekannten Weihnachtsliedes offiziell die stillste Zeit des Jahres und die damit eröffnete Jagd auf das perfekte Weihnachtsgeschenk ein.

Da werfen gestresste Menschen in einem Anflug von Winterdepression Pakete mit zerbrechlichem Inhalt  durch die Luft und versuchen, sich in dem Menschensalat, der nach Materiellem drängt, keine blauen Flecken zu holen.

Inmitten dieses Weihnachtstrubels schlendert ein kleiner Junge durch den Supermarkt, die ellenlange Einkaufsliste seiner Mutter halb zerknüllt in der einen Hand haltend und mit der anderen unbesorgt einen leeren Einkaufswagen vor sich hin bugsierend, den er kaum überragt.

Unbeschwert pfeift er laut und falsch zu der Melodie des Weihnachtsliedes, das soeben aus überdimensionalen Lautsprechern das weihnachtliche Shoppingohr zwangsbeglückt und erfreut sich an dem Duft von Lebzelten und Tannennadeln.

Offizielle Herren in ebenso offiziellen Anzügen, aus denen dicke Portemonnaies ragen, haben vor Eile hochrote Köpfe und drängen sich an dem Knaben vorbei, nicht ohne ihn und seine Unbekümmertheit mit hektischer Verachtung zu strafen.

Das Kind besinnt sich seiner ursprünglichen Aufgabe und streicht den Zettel in seiner Hand glatt, um langsam und stockend halblaut vorzulesen „Eine Dose Frieden“.

Das Papier wird wieder gefaltet und verschwindet in der Hosentasche des kleinen Einkäufers. Dieser setzt sich daraufhin in Bewegung, um Ausschau nach dem Frieden zu halten und wendet seinen Kopf, währenddessen er den viel zu großen Einkaufswagen einen Gang nach dem anderen auf- und abschiebt, nach allen Seiten, wird jedoch sehr zu seinem Leidwesen nicht fündig.

In diesem unübersichtlichen Meer von Regalen macht sich in dem Jungen rasch Ungeduld breit. Deshalb wendet er sich an einen autoritär wirkenden Mann in einem langen, weißen Kittel und einem bis an den Boden ragenden, glänzendem weißem Bart, dessen Brille aus dem vorigen Jahrtausend ihm beinahe von der langen, spitzen Nase fällt.

Das Kind mustert den Mann, der ihm beinahe den Rücken kehrt, mit großen Augen. Sein Blick fällt auf das Schild an dessen Kittel. „Filialleiter Gottfried“ steht hier in offiziellen Buchstaben. Daneben hat jemand mit zittriger Hand das kaum lesbare Wort „pensioniert“ gekrakelt.

Als habe er den Blick des Jungen gespürt, murmelt der Mann in monotonem Tonfall, ohne seinen wachsamen Blick vom regen Geschehen im Supermarkt zu wenden, „Darf ich dir irgendwie behilflich sein“? Er sagt es, als habe er diesen Satz schon tausendmal heruntergeleiert und noch niemals seinen Sinn verstanden.

„Ich hätte gerne eine Dose Frieden“ antwortet das Kind, währenddessen es noch immer an dem Manne hochsieht.

„Eine Dose Frieden“ Der Mann im weißen Kittel scheint aus seiner Teilnahmslosigkeit zu erwachen und schiebt mit seinem knorrigen Zeigefinger die Brille an ihre korrekte Position. Er wendet sich in die Richtung des Jungen und wiederholt erneut „Frieden“? als habe er sich verhört. Das Kind nickt vorsichtig. Der Mann hält eine Sekunde lang inne, als würde er überlegen und verschwindet danach hinter einer wie aus dem Nichts aufgetauchten Tür. Wenige Augenblicke später kehrt er zu dem verwunderten Jungen zurück.

Ein Hauch von Mitleid zeichnet sich auf den harten Gesichtszügen des Mannes ab. „Frieden ist ausverkauft. Tut mir leid. Die nächste Lieferung kommt erst am Donnerstag“. Der Knabe senkt traurig den Blick. „Ist nichts zu machen“. Der Mann zuckt hilflos mit den Schultern.

„Kann ich dir sonst noch irgendwie weiterhelfen“? fragt er den Knaben in seinem ursprünglichen Tonfall. Sein Unterton verrät, dass er keineswegs Lust dazu hat. „Ich suche nach Ehrlichkeit“ meint der Junge in kindlicher Unschuld.

Der Mann im weißen Kittel bricht in schallendes Gelächter aus, so dass die Brille auf seiner Nase in rhythmischen Abständen auf und ab tanzt. „Da kannst du lange suchen, mein Junge“ Der Mann klopft dem verwirrten Knaben väterlich auf die Schulter. „Ehrlichkeit. Ha. Nach Ehrlichkeit hat schon lange Zeit niemand mehr gefragt. Die ist heutzutage Mangelware“. –

„Wie steht es mit…“ Der Kleine scannt verzweifelt seine Liste, „wie steht es mit Freundlichkeit“? Der Mann im weißen Kittel zieht seine Mundwinkel in einem gescheiterten Versuch zu lächeln nach oben, deutet mit seinem knochigen Arm in eine unbekannte Richtung und murmelt kaum vernehmbar „Feinkostabteilung“. Daraufhin dreht er sich kopfschüttelnd am Absatz um und verschwindet erneut. „Feinkostabteilung“ wiederholt der Junge ungläubig und reiht sich hinter einer langen Schlange von Menschen ein, die hungrig nach Freundlichkeit sind.

Als er schlussendlich an der Reihe ist, gibt er seine Bestellung ab. „350 g Freundlichkeit. Fein geschnitten, bitte“. Die Mutter hatte dem Jungen eingeschärft, die Freundlichkeit sorgfältig zu portionieren, um das Wochenende im Hause erträglicher zu gestalten.  Diese war besonders vonnöten, wenn alle Tanten, Onkeln und sonstigen Verwandten, die sich zwangsweise einmal im Jahr die Ehre gaben und sich dessen durchaus bewusst waren, auf ein Gesprächsthema stießen, das den Weihnachtsfrieden und die damit verbundene Gesundheit der schon leicht angeschlagenen Senioren gefährden könnte.

Die Frau hinter dem Tresen händigt dem Jungen seine Bestellung aus und deutet ihm mit einem unwirschen Fingerzeig, Platz für die nächste Kundschaft zu machen. Dieser legt also die Freundlichkeit in seinen Einkaufswagen und wirft einen weiteren Blick auf seine Liste. „Menschlichkeit“.

In diesem hell erleuchteten Meer von Regalen, in dem ein Sonderangebot das andere jagt, sucht der Junge mit dem Einkaufswagen nach der Menschlichkeit. Gedankenverloren wandert er durch unbekannte Gänge und nimmt es kaum zur Notiz, dass das Licht mit der Zeit immer spärlicher wird. Erst, als er sich in pechschwarze Dunkelheit ummantelt wiederfindet, bekommt er es mit der Angst zu tun.

Als sich seine Augen etwas an die furchterregende Schwärze gewöhnt haben, spekuliert der Knabe, dass er sich nun wohl in einem Lager verirrt haben müsse, denn hier war offensichtlich seit Jahren niemand mehr vorbeigekommen. Dies merkt man daran, dass der Staub am Fußboden schon knöchelhoch steht und auch die Nase dementsprechend oft zum Gruße auffordert.

Die Illusion von Tageslicht kehrt just in diesem Moment wieder zu dem Jungen zurück. Er kehrt und wendet sich nach allen Seiten um festzustellen, wer ihm so plötzlich diesen Gefallen getan hat, erspäht jedoch niemanden. Etwas irritiert, doch erneut beflügelt durch seine ursprüngliche Mission, bläst er Staub vom untersten Regal, vor dem er sich soeben positioniert hat, was zur Folge hat, dass ein ganzer Schwarm verärgerter Fledermäuse ihre Behausung verlässt.

Ganz hinten, dort zwischen den Spinnenweben, befindet sich die Menschlichkeit, die traurig auf jemanden wartet, der sie nach Hause mitnimmt. Das Kind wischt beinahe liebevoll den fingerdicken Staub von der Menschlichkeit und packt sie behutsam in den Einkaufswagen, gleich neben die Freundlichkeit.

Ein Blick auf seine Liste verrät ihm, dass bloß ein letztes Gut auf seiner Liste fehlt. „Liebe“

„Liebe wirst du hier, in meinem Supermarkt nicht finden, mein Junge“ ertönt plötzlich eine wohlbekannte, etwas monotone Stimme. Wie vom Blitz getroffen wendet sich das Kind in die Richtung des Sprechers und ist nicht wenig erstaunt, Filialleiter Gottfried vorzufinden.

„Wo aber finde ich dann die Liebe?“ fragt der Einkäufer mit einer Mischung aus Neugierde und Ungeduld. „Wahrscheinlich nirgendwo. Sie ist viel zu wertvoll und noch dazu unverkäuflich“.

Das Gesicht des Kindes zeigt deutliche Verzweiflung. „Aber wenn du sie wirklich finden willst“, beschwichtigt Filialleiter Gottfried, „dann beginnst du am Besten in dir selbst zu suchen. Es ist gar nicht so schwer“. Das Gesicht des Kleinen beginnt, sich aufzuhellen. „In diesem Sinne, ein frohes Weihnachtsfest“ So schnell, wie der Mann gekommen ist, ist er auch wieder verschwunden. Verwundert den Kopf schüttelnd, aber mit dem alten Anklang von Festivität, schiebt das Kind den Einkaufswagen zur Kassa.

Der Gutmenschkreislauf

Der nach Skandalen lüsternde Durchschnittsmensch schlägt das Boulevardblatt auf, um sich an Artikeln wie „Rachsüchtiger Liebhaber ersticht schwangere Frau“ zu ergötzen. Mit einer gewissen Schadenfreude verfolgt er im Fernsehen mit, wie dem Übeltäter öffentlich der Prozess gemacht wird und schüttelt mit gespielter Entrüstung und einer gewissen Portion Abgestumpftheit den Kopf.

Mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit vertraut er dann darauf, dass der rachsüchtige Liebhaber dingfest gemacht und hinter schwedische Gardinen verfrachtet wird. Daran, dass dieser schuldig ist, zweifelt er angesichts der Tatsachen keine Sekunde und über die Hintergründe zerbricht er sich nur in den seltensten Fällen den Kopf.

Das Mitgefühl sitzt mit verschränkten Armen in der Ecke und schmollt, denn diese arrogante Selbstgefälligkeit hat es von seinem Platz verdrängt. Es raunt dem Durchschnittsmenschen verschwörerisch ins Ohr, dass er ein guter Mensch ist. Gute Menschen können stolz auf sich sein. Selbstzufrieden klopft sich der Durchschnittsmensch metaphorisch auf die eigene Schulter.

Dass der rachsüchtige Liebhaber einst ein lüsternder Durchschnittsmensch war, der sein Boulevardblatt auf der Suche nach Artikeln wie „Rachsüchtiger Liebhaber ersticht schwangere Frau“ aufschlug, kommt niemals ans Tageslicht.

Ein neuer Tag bringt einen neuen Skandal. Der kalte Kaffee von gestern interessiert heute kein Schwein mehr.

Aus den Augen ist aus dem Sinn.

Die Mauer

Eigentlich wurdest du gerade erst geboren. Man hat dich soeben aus dem heimeligen Mutterleib hinaus in die kalte Welt geworfen.

Du hast deinen ersten Schrei getan. Mit diesem ersten Schrei, dem ersten Schritt in die neue Welt, hast du eine Mauer hinter dir aufgebaut.

Diese Mauer, die dich von deiner pränatalen Vergangenheit trennt, kannst du nicht mehr einreißen. Dein Weg kann nur mehr vorwärts gehen.

In der Ferne vernimmst du gerade noch die Umrisse einer zweiten Mauer. Diese symbolisiert das Ende deiner Reise. Hast du die Mauer einmal erreicht, wird es keinen Weg zurück und auch keinen mehr nach vorne geben.

Du brauchst gar nicht erst versuchen, die Mauern einzureißen, es wird dir nicht gelingen! Du kannst weder in den Mutterleib zurück, noch kannst du dem Tod entrinnen!

Trotzig wirst du entgegnen, dass keiner dich gefragt hat, ob du in diese Welt willst, und dabei geht es doch um dein Leben. Denn schließlich, so denkst du, gehe ich, auch wenn viele dieselbe Richtung einschlagen, denn Weg doch alleine.

Und seit du begonnen hast, dich mit deiner Mortalität zu beschäftigen, hast du ständig dieses Ticken im Ohr. Dieses Ticken ist wie ein Tinnitus. Du wirst es nicht mehr los. Wenn du nachts in deinem Bett liegst, um zum Sklaven des Schlafes zu werden, hält es dich wach. Wenn du die Straße entlanggehst, scheint es dich in seiner Beharrlichkeit höhnisch auszulachen, wie um auf die Mauer hinzuweisen, die mit jedem Schritt, den du gehst, ein Stückchen näher rückt. Es ist die Uhr der Zeit, die den Countdown deines Lebens symbolisiert.

Als du jung warst, hattest du geglaubt, die Zeit sei unendlich. Du wolltest sie totschlagen, sie vertreiben, du wolltest die Welt sehen, Karriere machen, eine Familie gründen und den kleinen und großen Problemen, die sich einem tagtäglich stellen, aus dem Weg gehen. Du warst naiv, damals. Du meintest, ewig jung zu bleiben und zerbrachst dir nicht den Kopf über unwichtige Details wie die Zeit oder gar den Tod.

Als die Tage und Jahre vergingen, deine Haut nicht mehr so straff wie früher war und das Haar auf deinem Haupte kärger wurde, schwelgtest du in Gedanken und Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Eben stecktest du ja noch in den Kinderschuhen. Du zähltest nicht mehr als sieben Jahre und saßest lachend auf einem Steine in der warmen Mittagssonne. Eben würde deine Mutter- Gott hab sie selig- dich zum Mittagessen rufen. Ohne einen Gedanken an das Morgen zu verschwenden, würdest du das liebevoll zubereitete Essen zu dir nehmen. Damals, als du noch essen konntest, was du wolltest, ohne zuzunehmen…

Die Mauer, die heute gefährlich nahe vor dir steht, schien damals noch in unerreichbarer Nähe.

Die Uhr auf deiner Schulter wirft dir auf deinem ohnehin schon schweren Weg noch Steine zwischen die Beine. Da du alt und nicht mehr so gut auf deinen Füßen bist, stolperst du und fällst. Die Uhr auf deiner Schulter lacht höhnisch. Sie lacht und ihr Lachen schwillt an und wird zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der dir durch Mark und Pein dringt. Du hältst beide Ohren zu und versuchst, das Lachen zu ignorieren, doch vor deinem inneren Auge siehst du die Uhr schon die Messer wetzen.

Auf dem Boden liegend fragst du dich verzweifelt, was mit dir geschehen wird, sobald du die Mauer erreicht hast.

Du weißt, dass du den Tod nicht vermeiden kannst. Du musst dich langsam damit anfreunden, dass du nicht unsterblich bist. Du schüttelst den Kopf, wie um den Gedanken zu vertreiben. Du willst nicht daran denken. Das Thema ist dir unangenehm. Es macht dir Angst. Du hast Angst vor dem Ungewissen. Angst vor dem, was danach kommt.

Bei dir denkst du dann, der Mensch hat so vieles erreicht. Er kann das Wetter vorhersagen, er kann in wenigen Stunden von einem Kontinent zum anderen reisen, er kann sich fortbewegen, ohne sich auch nur im geringsten bewegen zu müssen, er hat entlegene Orte bereist und Krankheiten kuriert, doch…niemand hat je herausgefunden, was sich hinter der Mauer befindet. Wer einmal auf der anderen Seite war, ist nie wieder zurückgekommen.

Betrübt denkst du an all die materiellen Güter, die du im Laufe deines Lebens gesammelt und lieb gewonnen hast. Natürlich musst du alles zurücklassen. Deine gesamten weltlichen Schätze werden dir dort, hinter der Mauer, nichts bringen.

Den Tränen nahe pflückst du eine verwelkte Rose. Auch die Rose entstand einst aus einem Samen, genau wie du.

Als die Rose in voller Blüte stand, hatte sie Insekten durch ihren Duft betört und die Menschen durch ihr Aussehen glücklich gemacht. Die Blüte des Lebens- geht es dir durch den Kopf. Du fragst dich, ob jedes Lebewesen und jede Pflanze auf der Erde eine Aufgabe in diesem Leben hat. Dies führt dich zu der Frage, welche wohl deine Aufgabe war. Du gehst noch einen Schritt weiter und erschrickst bei dem Gedanken, dein Dasein könnte keinen Zweck erfüllen und du seiest lediglich das Produkt eines tierischen Triebes.

Dieser Gedanke jagt dir höllische Angst ein. Er vermittelt dir einen Sinn von Unsinnigkeit und lässt dich melancholisch werden.

Nun liegt sie da, die Rose in deiner Hand. Es ist kein Leben mehr in ihr. Die Rose macht dich traurig. Zeigt sie dir doch, dass alles auf Erden vergänglich ist. Behutsam legst du sie zurück auf die Erde.

Viele Leute, denkst du, leben um zu arbeiten. Sie haben einen konkreten Tagesablauf, weil sie Angst vor der Veränderung haben, oder sie die Routine liebgewonnen haben wie einen alten Freund. Diese Leute, denkst du, haben das Ticken der Uhr auf ihrer Schulter vergessen oder es bis jetzt einfach erfolgreich ignoriert.

Doch irgendwann  werden sie in den Spiegel sehen und feststellen, dass sie dreißig Jahre älter geworden sind. Betäubt vor Schock werden sie feststellen, dass sie, anstatt ihr Leben zu leben und die kostbare Zeit auf der Erde zu genießen, sie an völlig weltliche Dinge verschwendet haben. Dir ist es doch genauso ergangen.

Du startest einen weiteren Versuch, die Zeit auszutricksen, drehst dich mitten auf der Straße um und läufst rückwärts. Doch sogar wenn du rückwärts läufst, läufst du eigentlich nach vorne. Die Mauer kommt bedrohlich nahe. Außer Atem merkst du, wie deine Lebenssäfte langsam versickern. Die Mauer befindet sich nun direkt vor dir. Du nimmst einen letzten Atemzug, saugst deine Lungen voll mit Leben. Dann brichst du in dich zusammen und fällst zu Boden. Du denkst nicht mehr. Du siehst und fühlst und hörst nichts mehr. Die Uhr ist stehen geblieben. Langsam steigt dein Geist aus deiner toten, weltlichen Hülle. Du siehst dich da unten auf der Straße liegen, dein starrer Blick richtet sich auf die Uhr in deiner Hand.

Jemand berührt dich sanft und geleitet dich hinter die Mauer…