Die Liste

Alle Jahre wieder leitet der Technoremix eines bekannten Weihnachtsliedes offiziell die stillste Zeit des Jahres und die damit eröffnete Jagd auf das perfekte Weihnachtsgeschenk ein.

Da werfen gestresste Menschen in einem Anflug von Winterdepression Pakete mit zerbrechlichem Inhalt  durch die Luft und versuchen, sich in dem Menschensalat, der nach Materiellem drängt, keine blauen Flecken zu holen.

Inmitten dieses Weihnachtstrubels schlendert ein kleiner Junge durch den Supermarkt, die ellenlange Einkaufsliste seiner Mutter halb zerknüllt in der einen Hand haltend und mit der anderen unbesorgt einen leeren Einkaufswagen vor sich hin bugsierend, den er kaum überragt.

Unbeschwert pfeift er laut und falsch zu der Melodie des Weihnachtsliedes, das soeben aus überdimensionalen Lautsprechern das weihnachtliche Shoppingohr zwangsbeglückt und erfreut sich an dem Duft von Lebzelten und Tannennadeln.

Offizielle Herren in ebenso offiziellen Anzügen, aus denen dicke Portemonnaies ragen, haben vor Eile hochrote Köpfe und drängen sich an dem Knaben vorbei, nicht ohne ihn und seine Unbekümmertheit mit hektischer Verachtung zu strafen.

Das Kind besinnt sich seiner ursprünglichen Aufgabe und streicht den Zettel in seiner Hand glatt, um langsam und stockend halblaut vorzulesen „Eine Dose Frieden“.

Das Papier wird wieder gefaltet und verschwindet in der Hosentasche des kleinen Einkäufers. Dieser setzt sich daraufhin in Bewegung, um Ausschau nach dem Frieden zu halten und wendet seinen Kopf, währenddessen er den viel zu großen Einkaufswagen einen Gang nach dem anderen auf- und abschiebt, nach allen Seiten, wird jedoch sehr zu seinem Leidwesen nicht fündig.

In diesem unübersichtlichen Meer von Regalen macht sich in dem Jungen rasch Ungeduld breit. Deshalb wendet er sich an einen autoritär wirkenden Mann in einem langen, weißen Kittel und einem bis an den Boden ragenden, glänzendem weißem Bart, dessen Brille aus dem vorigen Jahrtausend ihm beinahe von der langen, spitzen Nase fällt.

Das Kind mustert den Mann, der ihm beinahe den Rücken kehrt, mit großen Augen. Sein Blick fällt auf das Schild an dessen Kittel. „Filialleiter Gottfried“ steht hier in offiziellen Buchstaben. Daneben hat jemand mit zittriger Hand das kaum lesbare Wort „pensioniert“ gekrakelt.

Als habe er den Blick des Jungen gespürt, murmelt der Mann in monotonem Tonfall, ohne seinen wachsamen Blick vom regen Geschehen im Supermarkt zu wenden, „Darf ich dir irgendwie behilflich sein“? Er sagt es, als habe er diesen Satz schon tausendmal heruntergeleiert und noch niemals seinen Sinn verstanden.

„Ich hätte gerne eine Dose Frieden“ antwortet das Kind, währenddessen es noch immer an dem Manne hochsieht.

„Eine Dose Frieden“ Der Mann im weißen Kittel scheint aus seiner Teilnahmslosigkeit zu erwachen und schiebt mit seinem knorrigen Zeigefinger die Brille an ihre korrekte Position. Er wendet sich in die Richtung des Jungen und wiederholt erneut „Frieden“? als habe er sich verhört. Das Kind nickt vorsichtig. Der Mann hält eine Sekunde lang inne, als würde er überlegen und verschwindet danach hinter einer wie aus dem Nichts aufgetauchten Tür. Wenige Augenblicke später kehrt er zu dem verwunderten Jungen zurück.

Ein Hauch von Mitleid zeichnet sich auf den harten Gesichtszügen des Mannes ab. „Frieden ist ausverkauft. Tut mir leid. Die nächste Lieferung kommt erst am Donnerstag“. Der Knabe senkt traurig den Blick. „Ist nichts zu machen“. Der Mann zuckt hilflos mit den Schultern.

„Kann ich dir sonst noch irgendwie weiterhelfen“? fragt er den Knaben in seinem ursprünglichen Tonfall. Sein Unterton verrät, dass er keineswegs Lust dazu hat. „Ich suche nach Ehrlichkeit“ meint der Junge in kindlicher Unschuld.

Der Mann im weißen Kittel bricht in schallendes Gelächter aus, so dass die Brille auf seiner Nase in rhythmischen Abständen auf und ab tanzt. „Da kannst du lange suchen, mein Junge“ Der Mann klopft dem verwirrten Knaben väterlich auf die Schulter. „Ehrlichkeit. Ha. Nach Ehrlichkeit hat schon lange Zeit niemand mehr gefragt. Die ist heutzutage Mangelware“. –

„Wie steht es mit…“ Der Kleine scannt verzweifelt seine Liste, „wie steht es mit Freundlichkeit“? Der Mann im weißen Kittel zieht seine Mundwinkel in einem gescheiterten Versuch zu lächeln nach oben, deutet mit seinem knochigen Arm in eine unbekannte Richtung und murmelt kaum vernehmbar „Feinkostabteilung“. Daraufhin dreht er sich kopfschüttelnd am Absatz um und verschwindet erneut. „Feinkostabteilung“ wiederholt der Junge ungläubig und reiht sich hinter einer langen Schlange von Menschen ein, die hungrig nach Freundlichkeit sind.

Als er schlussendlich an der Reihe ist, gibt er seine Bestellung ab. „350 g Freundlichkeit. Fein geschnitten, bitte“. Die Mutter hatte dem Jungen eingeschärft, die Freundlichkeit sorgfältig zu portionieren, um das Wochenende im Hause erträglicher zu gestalten.  Diese war besonders vonnöten, wenn alle Tanten, Onkeln und sonstigen Verwandten, die sich zwangsweise einmal im Jahr die Ehre gaben und sich dessen durchaus bewusst waren, auf ein Gesprächsthema stießen, das den Weihnachtsfrieden und die damit verbundene Gesundheit der schon leicht angeschlagenen Senioren gefährden könnte.

Die Frau hinter dem Tresen händigt dem Jungen seine Bestellung aus und deutet ihm mit einem unwirschen Fingerzeig, Platz für die nächste Kundschaft zu machen. Dieser legt also die Freundlichkeit in seinen Einkaufswagen und wirft einen weiteren Blick auf seine Liste. „Menschlichkeit“.

In diesem hell erleuchteten Meer von Regalen, in dem ein Sonderangebot das andere jagt, sucht der Junge mit dem Einkaufswagen nach der Menschlichkeit. Gedankenverloren wandert er durch unbekannte Gänge und nimmt es kaum zur Notiz, dass das Licht mit der Zeit immer spärlicher wird. Erst, als er sich in pechschwarze Dunkelheit ummantelt wiederfindet, bekommt er es mit der Angst zu tun.

Als sich seine Augen etwas an die furchterregende Schwärze gewöhnt haben, spekuliert der Knabe, dass er sich nun wohl in einem Lager verirrt haben müsse, denn hier war offensichtlich seit Jahren niemand mehr vorbeigekommen. Dies merkt man daran, dass der Staub am Fußboden schon knöchelhoch steht und auch die Nase dementsprechend oft zum Gruße auffordert.

Die Illusion von Tageslicht kehrt just in diesem Moment wieder zu dem Jungen zurück. Er kehrt und wendet sich nach allen Seiten um festzustellen, wer ihm so plötzlich diesen Gefallen getan hat, erspäht jedoch niemanden. Etwas irritiert, doch erneut beflügelt durch seine ursprüngliche Mission, bläst er Staub vom untersten Regal, vor dem er sich soeben positioniert hat, was zur Folge hat, dass ein ganzer Schwarm verärgerter Fledermäuse ihre Behausung verlässt.

Ganz hinten, dort zwischen den Spinnenweben, befindet sich die Menschlichkeit, die traurig auf jemanden wartet, der sie nach Hause mitnimmt. Das Kind wischt beinahe liebevoll den fingerdicken Staub von der Menschlichkeit und packt sie behutsam in den Einkaufswagen, gleich neben die Freundlichkeit.

Ein Blick auf seine Liste verrät ihm, dass bloß ein letztes Gut auf seiner Liste fehlt. „Liebe“

„Liebe wirst du hier, in meinem Supermarkt nicht finden, mein Junge“ ertönt plötzlich eine wohlbekannte, etwas monotone Stimme. Wie vom Blitz getroffen wendet sich das Kind in die Richtung des Sprechers und ist nicht wenig erstaunt, Filialleiter Gottfried vorzufinden.

„Wo aber finde ich dann die Liebe?“ fragt der Einkäufer mit einer Mischung aus Neugierde und Ungeduld. „Wahrscheinlich nirgendwo. Sie ist viel zu wertvoll und noch dazu unverkäuflich“.

Das Gesicht des Kindes zeigt deutliche Verzweiflung. „Aber wenn du sie wirklich finden willst“, beschwichtigt Filialleiter Gottfried, „dann beginnst du am Besten in dir selbst zu suchen. Es ist gar nicht so schwer“. Das Gesicht des Kleinen beginnt, sich aufzuhellen. „In diesem Sinne, ein frohes Weihnachtsfest“ So schnell, wie der Mann gekommen ist, ist er auch wieder verschwunden. Verwundert den Kopf schüttelnd, aber mit dem alten Anklang von Festivität, schiebt das Kind den Einkaufswagen zur Kassa.