Die Mauer

Eigentlich wurdest du gerade erst geboren. Man hat dich soeben aus dem heimeligen Mutterleib hinaus in die kalte Welt geworfen.

Du hast deinen ersten Schrei getan. Mit diesem ersten Schrei, dem ersten Schritt in die neue Welt, hast du eine Mauer hinter dir aufgebaut.

Diese Mauer, die dich von deiner pränatalen Vergangenheit trennt, kannst du nicht mehr einreißen. Dein Weg kann nur mehr vorwärts gehen.

In der Ferne vernimmst du gerade noch die Umrisse einer zweiten Mauer. Diese symbolisiert das Ende deiner Reise. Hast du die Mauer einmal erreicht, wird es keinen Weg zurück und auch keinen mehr nach vorne geben.

Du brauchst gar nicht erst versuchen, die Mauern einzureißen, es wird dir nicht gelingen! Du kannst weder in den Mutterleib zurück, noch kannst du dem Tod entrinnen!

Trotzig wirst du entgegnen, dass keiner dich gefragt hat, ob du in diese Welt willst, und dabei geht es doch um dein Leben. Denn schließlich, so denkst du, gehe ich, auch wenn viele dieselbe Richtung einschlagen, denn Weg doch alleine.

Und seit du begonnen hast, dich mit deiner Mortalität zu beschäftigen, hast du ständig dieses Ticken im Ohr. Dieses Ticken ist wie ein Tinnitus. Du wirst es nicht mehr los. Wenn du nachts in deinem Bett liegst, um zum Sklaven des Schlafes zu werden, hält es dich wach. Wenn du die Straße entlanggehst, scheint es dich in seiner Beharrlichkeit höhnisch auszulachen, wie um auf die Mauer hinzuweisen, die mit jedem Schritt, den du gehst, ein Stückchen näher rückt. Es ist die Uhr der Zeit, die den Countdown deines Lebens symbolisiert.

Als du jung warst, hattest du geglaubt, die Zeit sei unendlich. Du wolltest sie totschlagen, sie vertreiben, du wolltest die Welt sehen, Karriere machen, eine Familie gründen und den kleinen und großen Problemen, die sich einem tagtäglich stellen, aus dem Weg gehen. Du warst naiv, damals. Du meintest, ewig jung zu bleiben und zerbrachst dir nicht den Kopf über unwichtige Details wie die Zeit oder gar den Tod.

Als die Tage und Jahre vergingen, deine Haut nicht mehr so straff wie früher war und das Haar auf deinem Haupte kärger wurde, schwelgtest du in Gedanken und Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Eben stecktest du ja noch in den Kinderschuhen. Du zähltest nicht mehr als sieben Jahre und saßest lachend auf einem Steine in der warmen Mittagssonne. Eben würde deine Mutter- Gott hab sie selig- dich zum Mittagessen rufen. Ohne einen Gedanken an das Morgen zu verschwenden, würdest du das liebevoll zubereitete Essen zu dir nehmen. Damals, als du noch essen konntest, was du wolltest, ohne zuzunehmen…

Die Mauer, die heute gefährlich nahe vor dir steht, schien damals noch in unerreichbarer Nähe.

Die Uhr auf deiner Schulter wirft dir auf deinem ohnehin schon schweren Weg noch Steine zwischen die Beine. Da du alt und nicht mehr so gut auf deinen Füßen bist, stolperst du und fällst. Die Uhr auf deiner Schulter lacht höhnisch. Sie lacht und ihr Lachen schwillt an und wird zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der dir durch Mark und Pein dringt. Du hältst beide Ohren zu und versuchst, das Lachen zu ignorieren, doch vor deinem inneren Auge siehst du die Uhr schon die Messer wetzen.

Auf dem Boden liegend fragst du dich verzweifelt, was mit dir geschehen wird, sobald du die Mauer erreicht hast.

Du weißt, dass du den Tod nicht vermeiden kannst. Du musst dich langsam damit anfreunden, dass du nicht unsterblich bist. Du schüttelst den Kopf, wie um den Gedanken zu vertreiben. Du willst nicht daran denken. Das Thema ist dir unangenehm. Es macht dir Angst. Du hast Angst vor dem Ungewissen. Angst vor dem, was danach kommt.

Bei dir denkst du dann, der Mensch hat so vieles erreicht. Er kann das Wetter vorhersagen, er kann in wenigen Stunden von einem Kontinent zum anderen reisen, er kann sich fortbewegen, ohne sich auch nur im geringsten bewegen zu müssen, er hat entlegene Orte bereist und Krankheiten kuriert, doch…niemand hat je herausgefunden, was sich hinter der Mauer befindet. Wer einmal auf der anderen Seite war, ist nie wieder zurückgekommen.

Betrübt denkst du an all die materiellen Güter, die du im Laufe deines Lebens gesammelt und lieb gewonnen hast. Natürlich musst du alles zurücklassen. Deine gesamten weltlichen Schätze werden dir dort, hinter der Mauer, nichts bringen.

Den Tränen nahe pflückst du eine verwelkte Rose. Auch die Rose entstand einst aus einem Samen, genau wie du.

Als die Rose in voller Blüte stand, hatte sie Insekten durch ihren Duft betört und die Menschen durch ihr Aussehen glücklich gemacht. Die Blüte des Lebens- geht es dir durch den Kopf. Du fragst dich, ob jedes Lebewesen und jede Pflanze auf der Erde eine Aufgabe in diesem Leben hat. Dies führt dich zu der Frage, welche wohl deine Aufgabe war. Du gehst noch einen Schritt weiter und erschrickst bei dem Gedanken, dein Dasein könnte keinen Zweck erfüllen und du seiest lediglich das Produkt eines tierischen Triebes.

Dieser Gedanke jagt dir höllische Angst ein. Er vermittelt dir einen Sinn von Unsinnigkeit und lässt dich melancholisch werden.

Nun liegt sie da, die Rose in deiner Hand. Es ist kein Leben mehr in ihr. Die Rose macht dich traurig. Zeigt sie dir doch, dass alles auf Erden vergänglich ist. Behutsam legst du sie zurück auf die Erde.

Viele Leute, denkst du, leben um zu arbeiten. Sie haben einen konkreten Tagesablauf, weil sie Angst vor der Veränderung haben, oder sie die Routine liebgewonnen haben wie einen alten Freund. Diese Leute, denkst du, haben das Ticken der Uhr auf ihrer Schulter vergessen oder es bis jetzt einfach erfolgreich ignoriert.

Doch irgendwann  werden sie in den Spiegel sehen und feststellen, dass sie dreißig Jahre älter geworden sind. Betäubt vor Schock werden sie feststellen, dass sie, anstatt ihr Leben zu leben und die kostbare Zeit auf der Erde zu genießen, sie an völlig weltliche Dinge verschwendet haben. Dir ist es doch genauso ergangen.

Du startest einen weiteren Versuch, die Zeit auszutricksen, drehst dich mitten auf der Straße um und läufst rückwärts. Doch sogar wenn du rückwärts läufst, läufst du eigentlich nach vorne. Die Mauer kommt bedrohlich nahe. Außer Atem merkst du, wie deine Lebenssäfte langsam versickern. Die Mauer befindet sich nun direkt vor dir. Du nimmst einen letzten Atemzug, saugst deine Lungen voll mit Leben. Dann brichst du in dich zusammen und fällst zu Boden. Du denkst nicht mehr. Du siehst und fühlst und hörst nichts mehr. Die Uhr ist stehen geblieben. Langsam steigt dein Geist aus deiner toten, weltlichen Hülle. Du siehst dich da unten auf der Straße liegen, dein starrer Blick richtet sich auf die Uhr in deiner Hand.

Jemand berührt dich sanft und geleitet dich hinter die Mauer…

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